< PreviousFachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung Zitratzyklus ein. Beim Durchlaufen dieses Zyklus gewonnene Wasserstoffionen (H+) werden über die Enzyme der Atmungs- kette in Anwesenheit von Sauerstoff oxidiert, wobei ATP, Kohlen- dioxid und Wasser gebildet werden. Mittlere und länger andauernde Belastungen werden nun aerob mit Kohlenhydraten und Fetten in einem intensitätsspezi- fischen Mischungsverhältnis ermöglicht. An dieser Stelle sei er- wähnt, dass die verschiedenen Energieträger unterschiedliche Energieflussraten (Energie pro Zeiteinheit) haben. Am höchsten ist der Energiefluss bei den energiereichen Phosphaten, am lang- samsten bei der Oxidation von Fettsäuren; deshalb fällt die Mus- kelleistung (Kontraktionsgeschwindigkeit) bei der aeroben Ener- giegewinnung geringer aus als auf dem anaeroben Weg. Die Bereitstellung der Energie erfolgt nicht streng hintereinander, sondern in Abhängigkeit von der geförderten Belastungsintensi- tät und -dauer überlappend. Vom Standpunkt der Energiegewinnung aus haben die Koh- lenhydrate gegenüber den Fetten einen Vorteil: Zwar liefern die Fette bei der Verbrennung 9,3 kcal/g gegenüber 4,1 kcal/g bei den Kohlenhydraten, aber entscheidend ist nicht dieser absolute Wert, sondern der pro Liter Sauerstoff erreichte Brennwert. Hierbei erge- ben sich für Glukose 5,1 kcal und für Fette 4,5 kcal. Diese Tatsache ermöglicht bei gleichem Sauerstoffangebot einen prozentualen Energiemehrgewinn von 13 Prozent bei Glukose – bei intrazellulä- rem Glykogen sogar 16 Prozent – gegenüber der Fettverbrennung. Fettstoffwechsel Auch wenn die Fette den grössten Energiespeicher im Organis- mus darstellen, ist die Fettverbrennung abhängig von der Belas- tungsdauer, der Intensität der Arbeit, vom Umfang der eingesetz- ten Muskulatur und von der Art der Muskelfaser (FT/ST) 4 . Da jedoch bei sehr langen Dauerbelastungen die Glykogen- vorräte allein nicht zur Energiedeckung ausreichen, nimmt die Fettsäureverbrennung mit zunehmender Zeitdauer eine immer bedeutendere Rolle ein. Bei über Stunden währender Muskelar- beit können die Fettsäuren 70–90 Prozent des Energiebedarfs bestreiten. Fette, die zur Energiegewinnung bei körperlicher Leistung be- nutzt werden, sind überwiegend Triglyzeride. Bei den Triglyzeriden ist immer ein Molekül Glyzerin mit jeweils drei Fettsäuren verestert, wobei die Kettenlänge der Fettsäuren unterschiedlich sein kann. Der Abbau der Fette erfolgt zunächst dadurch, dass die Tri- glyzeride unter Wasseraufnahme zu Glyzerin und freien Fett- säuren hydrolisiert werden. Diesen Vorgang bezeichnet man als Lipolyse. Glyzerin und Fettsäuren werden dabei in die Blutbahn abgegeben und zum Verbrauchsort transportiert. Herzmuskula- tur und Skelettmuskulatur besitzen ein vollständiges Enzym- system zum Abbau der Fettsäuren. Fettsäuren sind reaktionsträge Moleküle, die zunächst ak- tiviert werden müssen, damit sie weiter verstoffwechselt werden können. Mit Hilfe des Enzyms Thiokinase wird die Fettsäure mit der Energie von ATP zu Azyl-CoA, das mit einem Zwischenträger in die Mitochondrien gelangt. Dort findet die sogenannte Beta- Oxidation statt. Dabei werden von den Fettsäureketten jeweils zwei C-Atome abgespalten, zu Azyl-CoA aktiviert und in den Zit- ratzyklus eingeschleust. Es erfolgt die weitere Oxidation über den Zitratzyklus und die Atmungskette. 4 Die ST-Fasern (Slow-Twitch-Fasern) verbrauchen zur Energiegewinnung Sauerstoff, kontrahieren langsam und ermüden auch langsamer. Die FT-Fasern (Fast-Twitch-Fasern) zucken hingegen schnell und kommen bei schnellen, explosiven Kraftbewegungen zum Einsatz. Der aerobe Weg der Energiebereitstellung Gasaustausch in den Alveolen Glukose Sauerstoff Kohlendioxid Wasser Energie Glukose O 2 CO 2 H 2 O ATP Das aerobe System Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024 10ANZEIGE Erlebe die medizinisch validierte seca TRU. secaTRU.com Jetzt Termin vereinbaren DIE BIA FÜR MEDICAL FITNESS. Die Körperanalyse aus der Welt der Medizin jetzt in Deinem Studio. Bestimme die Muskelmasse, Fett- masse und viele weitere Parameter und hilf Deinen Mitgliedern ihr gesünderes Selbst zu entdecken. Durch diesen Prozess werden – bezogen auf die gleiche Menge von aufgebautem ATP – etwa 7 Prozent mehr Sauerstoff zur Oxidation von Fetten notwendig als beim Abbau der Kohlenhydrate . Die Fettsäureoxidation spielt eine bedeutende Rolle bei Dauerleistern im Sport. Durch eine grössere Leistungsfähigkeit des Kreislaufsystems können trainierte Ausdauersportler mehr Sauerstoff an die Zelle heranschaffen und somit auch bei höheren Leistungen noch Fettsäuren oxidieren, wenn Untrainierte schon auf Glykolyse und damit Kohlenhydratverbrauch umgeschaltet haben. Sie können damit also Glykogen in der Zelle einsparen, beispielsweise für die Schlussphase in einem Rennen. Ein aus gesundheitlicher Sicht «effektiver» Stoffwechsel zeigt sich insbesondere im Ruhestoffwechsel, denn unter Ruhe- bedingungen und leichten bis moderaten Alltagsbelastungen soll- te der Körper hauptsächlich Fette als Energiespeicher verstoff- wechseln. Die Fähigkeit des Organismus, Sauerstoff zur Verfügung zu stellen, ist also für den Fettstoffwechsel und damit auch für eine Körperfettreduktion der Schlüsselfaktor. Aus den bisher geschilderten Aspekten stellen sich bei ei- nem optimierten Fettstoffwechsel folgende Effekte ein: – Eine gesteigerte Lipolyse-Rate sorgt für eine erhöhte Konzentration an freien Fettsäuren im Blut an den Fettzellen (Adipozyten). – Eine verbesserte Muskelkapillarisierung erhöht das Angebot von freien Fettsäuren und den Antransport von Sauerstoff. – Die erhöhte Anzahl an Membran-Transportern für freie Fettsäuren bringt mehr freie Fettsäuren in die Mitochondrien. – Die Anzahl von Mitochondrien in den Muskelzellen wird gesteigert. – Die oxidativ arbeitenden spezifischen Fettstoffwechsel- enzyme werden erhöht. – Schliesslich wird bei sehr hoher aerober Kapazität auch die Fettspeicherung in den Muskelzellen erhöht. Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung eine Laktatreduktion (Abbaurate höher als Aufbaurate) feststel- len können. Wie die prozentuale Verteilung von Fett und Kohlen- hydraten im gemessenen aeroben Bereich ist, kann damit jedoch nicht gemessen werden. Bei einer Spirometrie wird der respiratorische Quotient (RQ) mittels der indirekten Kalorimetrie ermittelt. Der RQ ist das Ver- hältnis aus Kohlendioxidabgabe und Sauerstoffaufnahme. Dieses Verhältnis erlaubt eine Aussage zu den anteilig verbrannten Substraten, also darüber, ob der Körper zu einem Zeitpunkt eher Kohlenhydrate oder eher Fette zur Energiegewinnung nutzt: RQ = CO 2 -Abgabe / O 2 -Aufnahme Für die Verbrennung von Kohlenhydraten wird genauso viel CO 2 abgegeben wie O 2 verbraucht wird. Der Wert für den RQ be- trägt in diesem Fall 1. Für die Verbrennung von Fetten wird, wie oben bereits erwähnt, mehr O 2 benötigt, als CO 2 abgegeben wird, und somit ist der RQ < 1. (Bei 100 Prozent Fettoxidation wäre der RQ = 0,7). Eine Steigerung der Fettsäureoxidation führt demzu- folge zu einer Senkung des RQ-Wertes. Körperfettreduktion im Gesundheitssport Die Reduktion von Körperfett ist eines der häufigsten Trainings- ziele von gesundheitsbewussten Personen. Es muss an dieser Stelle jedoch eindeutig gesagt werden, dass Massnahmen zur gezielten Körperfettreduktion neben dem körperlichen Training grundsätz- lich auch Ernährungsinterventionen enthalten müssen. Training allein führt nur dann zur Gewichtsreduktion, wenn die Trainingsumfänge und -intensitäten über einen längeren Zeit- raum sehr hoch sind, wie zum Beispiel bei der Vorbereitung auf einen Marathon oder Ähnlichem. Diese hohen Trainingsumfänge werden gesundheitsorientierte Personen, die vielleicht zwei Mal pro Woche ins Fitnesscenter gehen, niemals dauerhaft erreichen. Da die Ernährungsmassnahmen sehr individuell sind, würde eine ausführliche Behandlung dieses Themas den Umfang dieses Artikels sprengen. Ich werde darauf zu einem späteren Zeitpunkt vertieft eingehen. Empfehlungen für das Fettstoffwechseltraining im Fitnesscenter Aus den bisherigen Ausführungen sollte klar ersichtlich sein, dass es für ein erfolgreiches Ausdauertraining unabdingbar ist, die in- Maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit (VO 2 max) In diesem Zusammenhang sei kurz auf die VO 2 max eingegangen, da dieser Begriff immer wieder fällt, aber oft nicht ganz klar ist, was die eigentlichen Determinanten sind. Dies wird klarer, wenn wir uns die Formel vor Augen halten: VO 2 max = HMV x (a/v O 2 -Differenz) HMV ist das Herzminutenvolumen. Dieses lässt sich be- stimmen durch die Herzfrequenz und das Schlagvolumen. Dieser Teil der Formel beschreibt demnach die Transportfähigkeit des Sauerstoffs. Je höher die Herzfrequenz und je grösser das Schlag- volumen, desto mehr Blut – und damit auch Sauerstoff – wird zu den Muskelzellen transportiert. Der zweite Teil der Formel ist die arterio-venöse Sauer- stoffdifferenz. Wird im arteriellen Blut viel Sauerstoff antrans- portiert und ist im venösen Blut ist nur noch wenig Sauerstoff vorhanden, konnte in der Muskelzelle entsprechend viel Sauer- stoff genutzt werden. Je grösser die Differenz, desto besser ist die Sauerstoffverwertung in den Zellen. Natürlich spielt die Höhe der VO 2 max eine Rolle, für die aerobe Kapazität und damit auch für die Fettoxidation entschei- dender ist aber die prozentuale Schwelle, das heisst, bei wie viel Prozent der VO 2 max die höchste Fettverbrennungsrate liegt. Ventilatorische Testverfahren Messungen der Atemgase in Ruhe und unter Belastung sind be- züglich der Aussagen über die Fettstoffwechselleistung eindeutig im Vorteil. Laktatmessungen lassen nur die Abgrenzung des ae- roben zum anaeroben Stoffwechsel zu. Zur Interpretation gibt es diverse Testverfahren, die zwar im aeroben Bereich einen Laktat- Steady-State oder bei gleichbleibender Dauerbelastung sogar Eine Spiroergometrie ermittelt die genauesten Daten über die Leistungsfähigkeit. Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024 12dividuellen Trainingsbereiche des Kunden zu kennen. Ein Testing ist deshalb zwingend notwendig. Leistungsdiagnostiken im Labor sind da die erste Wahl, weil sie eine viel höhere Genauigkeit bie- ten als Fitnesstests im Fitnesscenter. Bei den die gängigen Tests wie Conconitest, Astrand, PWC, Cooper usw. müssen bezüglich der Messgenauigkeit Abstriche gemacht werden. Trotzdem geben diese eine grobe Orientierung, die sicher mehr bringt als die Faustformeln der altersabhängigen Herzfrequenzen. Zwar mes- sen die heutigen Herzfrequenzgeräte den Puls recht genau, aber eine Interpretation der Werte, ohne dass die dazugehörigen ven- tilatorischen und stoffwechselbezogenen Daten bekannt sind, unterliegt einer zu breiten Varianz. Hinzu kommen weitere Grös- sen wie Hitze, Müdigkeit, Stress, Trinkverhalten usw., welche die Herzfrequenz beeinflussen können und die Steuerung einer Trai- ningseinheit erschweren. Für eine langfristige Trainingsüberwa- chung, beispielsweise das Absinken des Ruhepulses, eines glei- chen Pulses bei gesteigerter Leistung oder auch eines erhöhten Ruhepulses, der auf eine unvollständige Regeneration oder auf eine sich anbahnende Infektion hinweist, eignet sich die Puls- überwachung jedoch gut. Trainingsdauer Leider sind immer noch oberflächliche Aussagen wie «die Fett- verbrennung beginnt nach 20 Minuten» weit verbreitet. Als Ge- sundheitsexperte sollten Sie wissen, dass Fett im aeroben Bereich immer mit verstoffwechselt wird, die Frage ist nur, zu welchem Anteil. Mit zunehmender Dauer der Trainingseinheit nimmt der Umsatz an freien Fettsäuren pro Zeiteinheit linear zu. Eine zeitli- che Schwelle für die optimale Trainingsdauer besteht nicht. Je länger die Trainingseinheit dauert, desto grösser sind folglich die Anpassungen der oben genannten Aspekte der Fettverbrennung. Trainingsintensität für den Fettstoffwechsel Ein Schlagwort im Ausdauertraining ist das sogenannte «Zone- 2-Training», auch «Fat Max»-Training genannt. In dieser Zone wird die Leistung (Watt oder Geschwindigkeit) definiert, bei der die maximale Fettverbrennung pro Minute erreicht wird. In der aktu- ellen Literatur liegt dieser Bereich bei 1,3 bis 1,5 mmol/Laktat. Das Einhalten dieser niedrigen Intensität ist deshalb so wichtig, weil bei ansteigender Glykolyse – und damit bei anstei- gendem Laktat- und sinkendem pH-Wert – das Enzym Carnitin- Acyltransferase 1 zunehmend gehemmt wird. Dieses Enzym regu- Literatur: De Marées, H. (2017): Sportphysiologie ; Sportverlag Strauss Heck, H. (1990): Energiestoffwechsel und medizinische Leistungsdiagnostik , Studienbrief 8 der Trainerakademie Köln des Deutschen Sportbundes; Hofmann-Verlag Schorndorf Hollmann, W., Strüder H.K. (2009): Sportmedizin, Grundlagen für körperliche Aktivität, Training und Präventivmedizin; Schattauer Verlag Stegemann, J. (1989): Leistungsphysiologie; Thieme Verlag Tegtbur, U.: Fettstoffwechsel, Gewichtsreduktion und körperliche Aktivität; Medizinische Hochschule Hannover Weineck, J. (2004): Sportbiologie ; Spitta Verlag liert den Transport von Fettsäuren in die Mitochondrien. Bereits bei einer Steigerung von 40 auf 50 Prozent der VO 2 max ist die Fettsäureoxidation bereits um 19 Prozent reduziert. Bei 85 Pro- zent VO 2 max ist die Enzymaktivität um 50 Prozent gedrosselt. Polarisiertes Training – Prinzip 80/20 Polarisiert zu trainieren bedeutet, dass das Training an den End- graden (Polen) der Leistungskurve am effektivsten ist. Gerade Freizeitsportler trainieren häufig in einer Grauzone dazwischen. Sie absolvieren ihre lockeren Einheiten nicht locker genug, sodass die Fettstoffanpassungen nicht optimal sind, und ihre intensiven Einheiten nicht hart genug, und auch bezüglich der VO 2 max und der anaeroben Kapazität kommt es nicht zu einer ausreichenden Entwicklung. Gemäss des 80/20-Prinzips sollten 80 Prozent des Trainings im lockeren und 20 Prozent im intensiven Bereich statt- finden. So könnte eine Einheit von 60 Minuten beispielsweise aus 48 Minuten lockerem und 12 Minuten intensivem Training (etwa als eingebaute Intervalle von 3 x 4 Minuten) bestehen. Trainingsorganisation Die Anzahl Cardiogeräte verursacht in vielen Centern einen Eng- pass, weil diese Geräte im Vergleich zu den Kraftgeräten relativ lange von einer Person besetzt sind. Deshalb bietet sich die Kom- bination von mehreren Cardiogeräten an. Anstatt 60 Minuten auf dem Crosstrainer zu stehen, ist die Kombination aus beispiels- weise 20 Minuten Walking auf dem Laufband, 20 Minuten Velo- fahren und 20 Minuten Crosstrainer viel sinnvoller. Aufgrund des Gerätewechsels fällt die Stoffwechselleistung nicht ab, es werden unterschiedliche Bewegungsmuster angesprochen, die Motiva- tion bleibt oben und die Geräte werden schneller wieder frei. Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024 13Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung Leistungen der Gleichgewichtsfähigkeit im Dienste der posturalen Kontrolle Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024 14Gemäss Bundesamt für Statistik 2019 führte der demographische Wandel dazu, dass sich die durch- schnittliche Lebenserwartung seit 1881 verdoppelt hat und sich die Zahl der über 80-Jährigen bis 2060 verdreifachen wird. Die da- mit verbundene Überlastung des Renten- und Gesundheitssystems ist schon lange zum Politikum ge- worden. Bezogen auf die genannte Altersgruppe ist die statistisch starke Zunahme von Stürzen mit Verletzungsfolgen und Spitalein- weisungen ein nicht unbedeuten- der Kostenfaktor (Stevens, Corso & Finkelstein, 2006). Ein Kind benötigt rund sieben Jahre, bis es ähnliche Strate- gien zur Aufrechterhaltung der posturalen Kontrolle1 entwickelt hat, wie sie Erwachsene besitzen. Der Prozess der sich kontinuier- lich verbessernden Haltungskontrolle wird im Alter durch sinken- des Aktivitätsniveau des Individuums mehr oder weniger stark beeinträchtigt (Gollhofer & Taube, 2012). Obwohl es die posturale Kontrolle nicht gibt (weil anato- misch-neuro-muskulär nicht klar einzuordnen), hat ein umfas- sendes Gleichgewichtstraining sowohl einen verletzungspräven- tiven Effekt im sportlichen Training (Wedderkop et al., 2003) als auch einen sturzpräventiven Effekt bei älteren Personen mit sen- somotorischen Defiziten (Granacher et al., 2006). Die grössten Risikofaktoren für Stürze sind eine verminderte posturale Kont- rolle, sensorische Beeinträchtigungen, Muskelschwäche und eine verminderte Beweglichkeit (Jeoung, 2015). Ein kombiniertes Trai- ningsprogramm aus Kraft-, Ausdauer- und Gleichgewichtstrai- ning hat den grössten Effekt auf die Verbesserung der Mobilität sowie auf die Senkung der Sturzrate (Cadore, Rodriguez-Manas Sinclair & Iquierdo, 2012) . Für Fachleute Bewegungs- und Gesundheitsförderung bedeuten namentlich die kundenbezogenen Risikofaktoren wie reduzierte muskuläre Leistung von Rumpf und unteren Extremi- täten (Visser & Schaap 2011), verminderte posturale Kontrolle, erschwertes Dual-Tasking2 (Beauchet et al., 2009) sowie Ein- schränkung der Beweglichkeit eine «Gesamtindikation» zur Ver- besserung dieser primär neuromuskulären Defizite durch spezi- fische Trainingsinterventionen. Diskussion Neben dem traditionellen Training von Kraft, Ausdauer und Be- weglichkeit hat sich seit den 90er-Jahren auch das «Gleichge- wichtstraining» als weniger bedeutender, aber dennoch relevan- ter Bereich in der Welt der Fitnesscenter etabliert. Namentlich Bosu-Bälle, Schaumstoffpads, verschiedene Varianten von Therapiekreiseln und nicht zuletzt SensoPro sind heute fester Bestandteil einer Fitnesseinrichtung. Ihr Einsatz er- folgt grösstenteils zum Aufwärmen oder «zur Abwechslung», oft- mals ohne klare Zielstellung und individuell strukturierten Trai- ningsaufbau. Die softwaregestützten «Trainingsprogramme» beruhen primär auf einer Erhöhung des Schwierigkeitsgrades, sind aber nicht zwingend auf die individuellen Defizite des Kun- den zugeschnitten. Die Gleichgewichtsfähigkeit ist ein wichtiger Bestandteil eines gesundheits orientierten Trainings. Wie steht es aber mit der Umsetzung in den Centern? Sind die bekannten Trainingsinterventionen wirklich zielführend? In einem zweiteiligen Artikel widmen wir uns ausführlich dem Thema Gleichgewicht. Teil 1 1 Fähigkeit, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten 2 Dual-Tasking beinhaltet den Versuch, zwei Aufgaben gleichzeitig zu erledigen (Experiment in der Neuropsychologie) Urs Geiger, PTScFH, CAS CADM, CAS Sportphysio therapie, Berufsschullehrer HWS Huber Widemann Schule, Basel, langjäh- riger Berufsbildner, Praktikumslehrperson DZ, ETH Zürich, Buchautor 15 Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung nahe, allen instabilen Unterlagen eine vergleichbare Wirksamkeit in Bezug auf eine generelle Verbesserung der Gleichgewichtsfä- higkeit zuzuschreiben, was aber grundsätzlich unzulässig ist. Selbst bei computergestützten Messystemen (z. B. Postu- romed, Biodex) ist die Frage nicht abschliessend geklärt, inwieweit durch die alleinige Bewertung der kinematischen Parameter wie Anzahl und Amplitude der Auslenkungen während einer Gleich- gewichtsaufgabe die Gleichgewichtsleistung des SMS3 zuverlässig quantifiziert 4 werden kann. Ebenfalls unbeantwortet ist die Frage, inwieweit eine Übertragbarkeit zwischen Gleichgewichtsaufgaben unter statischen Messbedingungen auf eine solche unter dynami- schen Bedingungen besteht (F. Heilmann, 2019). Im Alltag und Sport treten nur sehr selten Schwankungen auf, die vom Unter- grund verstärkt oder ausgelöst werden. Die Anforderung an die Trainierenden, die instabile Unterlage möglichst im stabilen Gleichgewicht zu halten und damit die Auslösemechanismen der Auslenkung zu kontrollieren, findet im Alltag kaum eine Entspre- chung. Aus diesen Gründen ist die statische Posturographie 5 mit- hilfe von Kraftmessplatten oder interaktivem Balancesystems der dynamischen Posturographie vorzuziehen (siehe Abb. 1). Koordinative Fähigkeiten und Fertigkeiten Eine eigentliche Gleichgewichtsfähigkeit kann aufgrund der Summe komplexer Interaktionen zwischen neuralen, statischen und koordinativen Teilkomponenten nicht klar eingegrenzt bzw. eindeutig definiert werden. Dennoch besteht eine allgemeine Vorstellung darüber, was Gleichgewichtsfähigkeit primär leistet, nämlich das Körpergesamtsystem in einem haltungsökonomi- schen stabilen Zustand zu halten. Dieser Zustand bedeutet auch, dass während und bei verschiedenartigsten Verlagerungen des Körpers oder Teilen davon dieser Zustand erhalten oder wieder hergestellt werden kann. Als zentraler Teil der koordinativen Fä- higkeiten sind die Leistungen der Gleichgewichtsfähigkeit und damit die Funktionen verschiedener Sinnesmodalitäten und de- ren zentrale Verarbeitung anzusehen. Die grundlegende Bedeu- tung der Gleichgewichtsfähigkeit für einfache und erst recht für komplexe motorische Handlungsaktionen impliziert deshalb, dass entsprechende Gleichgewichtsleistungen fertigkeitsspezifisch sind und keine spezifisch-koordinative Fähigkeit darstellen. In unzähligen Studien zum Thema posturale Kontrolle und Gleichgewichtstraining wurden Wackelbretter, Kippkreisel, zwei- dimensional frei schwingende Plattformen, Matten und auch Luftkissen eingesetzt, um die positiven Wirkungen dieser Trai- ningsmittel zu bestätigen. Es mag erstaunen, dass trotz grosser Akzeptanz dieser koordinationsfördernden Trainingsformen auf instabilen Unterlagen noch keine validierten Richtwerte zur opti- malen Belastungsdauer und -intensität sowie zum Belastungs- umfang der Übungen auf diesen Geräten definiert wurden (Tau- be, 2013). Dies ist wohl (noch) nicht erfolgt, weil jede der genannten instabilen Unterlagen ein sehr unterschiedliches und deshalb nicht vergleichbares Kippverhalten zeigt (siehe Abb. 1). Ein nach wissenschaftlichen Kriterien nötiger Vergleich der un- terschiedlichen Trainingsmittel nach definierten Trainingswirkun- gen scheint daher wenig realistisch. Weil dieses Problem bis heu- te keiner differenzierteren Betrachtung unterstellt wurde, liegt es Abb. 1: vergleichende Darstellung der physikalischen Parameter des potentiellen Ungleichgewichts auf stabiler (Bild links) und labiler Unterlage (Bild rechts). Bei vergleichbarer Neigung des Standbeines (weiss-gestrichelte Linien) ist auf labiler Unterlage die potentiell-horizontale Verschiebung (rote Pfeile) des Lots aus dem Körperschwerpunkt (blaue Pfeile) deutlich eingeschränkter, was sich in einem geringeren Abstand zwischen vertikaler Bodenreaktionskraft (gelbe Pfeile) und vertikaler Schwerelinie und einem kleineren Kippwinkel gegenüber dem Boden zeigt. Quelle: Fuss Sprung gelenk Akademie, T. Schneider, 2024 3 sensomotorisches System 4 Quantifizierung ist die Beschreibung von Sachverhalten durch Angabe von Mengen, Werten oder Zahlen. 5 elektrophysiologische Messmethode zur Messung der bei der Haltungs- und Gleichgewichtsregulation auftretenden Körperschwankungen Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024 16ANZEIGE Lizenzfreie Gruppenfitness Instruktor:in Ausbildungen • Starte WANN du willst • Lerne WO du willst • 100 % FLEXIBEL • In deinem TEMPO Grundlagen Gruppenfitness Basic Heart Basic Moves Spezialisierungen: Aerobic Instruktor:in Toning Instruktor:in Pump Instruktor:in Pilates Instruktor:in Power Yoga Instruktor:in Fitboxe Instruktor:in Kickpower Instruktor:in Fighttime Instruktor:in Powerstep Instruktor:in Weitere Infos: update-akademie.ch/gruppenfitness-ausbildungen Abb. 2: Darstellung der Faktoren des Gleichgewichtstrainings im Kontext des sensomotorischen Trainings, als Kombination von Übungen zur Verbes- serung der sensorischen Fähigkeiten und der sensomotorischen Fertigkei- ten (modifiziert nach F. Heilmann 2019) sportliche Leistung Sensomotorisches Training Training der sensorischen Fähigkeiten Training der sensomotorischen Fähigkeiten kein nachweisbarer Effekt kein nachweisbarer Effekt Verletzungs prophylaxe Gleichgewichts- training Gleichgewichts- training Oftmals werden die Begriffe koordinative Fähigkeiten und Fertigkeiten synonym verwendet. Von motorischen, zum gröss- ten Teil genetisch vorbestimmten Fähigkeiten spricht man bei konstant-stabilen Bedingungen. Bei Fertigkeiten handelt es sich um die erlernten oder geübten Aspekte eines beobachtbaren mo- torischen Verhaltens, denen die motorischen Fähigkeiten zugrun- de liegen. Sie sind veränderbar, können durch Übung und Erfah- rung erweitert werden und sind durch Umweltsituationen beeinflusst. Verschiedene Personen unterscheiden sich hinsicht- lich ihrer Fähigkeiten (Kraftfähigkeit, Schnelligkeit usw.), aber auch in ihren Fertigkeiten, für bestimmte Aufgaben eine moto- risch zielführende Lösung zu finden. Letztere sind durch regel- mässiges Üben, Bewegungserfahrung und Umwelteinflüsse ver- änderbar, Kraftfähigkeit und Schnelligkeit hingegen sind situativ vorbestimmt und kurzfristig nicht veränderbar (siehe Abb. 2). 17Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung Ein gutes Gleichgewicht wird unbestrittenermassen als all- gemein wichtig und nützlich eingestuft. Gleichgewicht bleibt aber oftmals eine wenig fassbare und noch weniger gut messbare Grösse. Dies drückt sich in der Praxis darin aus, dass Gleichge- wichtsübungen auf den genannten instabilen Unterlagen bzw. Installationen generell als ultimatives Koordinationstraining ver- standen werden. In der Trainingspraxis werden mitunter Trai- ningsinhalte in der Hoffnung genutzt, damit auch in anderen Be- reichen die gewünschten Verbesserungen zu erzielen. Diese «induktive» Schlussfolgerung ist nicht zulässig, weil im Kontext von Trainingsreiz und Wirkung nicht vom Einzelfall auf das Allge- meine geschlossen werden kann. Dazu sei das SAID-Prinzip («spe- cific adaption to imposed demands») genannt, das besagt, dass Adaptation des menschlichen Organismus an Stimuli reizspezi- fisch erfolgt. Weil nach dem SAID-Prinzip der Körper sich immer an genau das anpasst, was ihm als Trainingsreiz «angeboten» wird, darf nicht angenommen werden, dass eine koordinative Verbesse- rung auf instabilen Unterlagen (z. B. Sensopro) auch zu einer gleichartig wirksamen Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit bei räumlichen Körperveränderungen auf fester Unterlage führt. In einer RCT6-Studie von Eckhardt (2016) wurden die Aus- wirkungen von Krafttraining auf instabilen Unterstützungsflä- chen (Interventionsgruppe 1) und traditionellem Krafttraining an Maschinen (Interventionsgruppe 2) auf Kraft, Leistung und Gleichgewicht bei älteren Erwachsenen vergleichend untersucht. Hypothese: Basierend auf vorangegangenen Studien wird ange- nommen, dass Widerstandstraining auf instabilen Unterlagen einen zusätzlichen Effekt auf die Muskelkraft der unteren Extre- mitäten sowie das Gleichgewicht älterer Menschen hat. Resultat: Es wurde kein signifikanter Gruppen-Zeitinteraktions- effekt 7 gefunden. Das Ergebnis wurde mittels Timed «Up-and- Go»-Test8 evaluiert, was heisst, dass in beiden Gruppen eine ver- gleichbare Verbesserung erfolgt ist und durch das Training auf instabiler Unterlage kein zusätzlicher Effekt erzielt wurde. Fazit: Wenn das Ziel darin besteht, die Muskelkraft der unteren Extremität zu verbessern, wird ein Widerstandstraining auf stabi- len Flächen im Vergleich zum Krafttraining auf instabilen Flächen empfohlen. Wenn dabei die Trainingsintensität limitierend ist, kann Zweiteres bevorzugt werden. Posturale Kontrolle Die genannte Sturzproblematik steht bekanntermassen mit Gleichgewichtsleistungen in einem engen (patho-)physiologi- schen Zusammenhang. Diese wiederum werden mit koordinati- ven Fähigkeiten in Verbindung gebracht. Im Kontext der Bewe- gungsmotorik sind koordinative Fähigkeiten als Voraussetzung für das Gestalten koordinierter Bewegungsabläufe zu verste- hen, über die das sensomotorische System variabel verfügen muss. Koordinative Fähigkeiten sind demnach keine messbaren Einzelleistungen oder Fertigkeiten, sondern drücken sich – zu- sammengeführt in einem gewünschten Bewegungsablauf – als sichtbares und subjektiv bewertetes Produkt der Bewegungs- koordination aus. Die Kontrolle des Gleichgewichts soll hier mit posturaler Kontrolle (siehe Titel dieses Artikels) gleichgesetzt Gleichgewichtstraining ist gerade für ältere Personen ein Pflichtbestandteil des Trainings, aber die Messbarkeit ist schwierig. 6 rabdomized controlled trial 7 nicht additive Effekte zweier oder mehrerer unabhängiger Variablen in einem Wahrscheinlichkeitsmodell 8 klinischer Test zur Beurteilung der Mobilität und des Sturzrisikos Bewegungsmedizin – Nr. 21 / Juni 2024 18DAVID HEALTH Re-Defining Physiotherapy Revolutionieren Sie die Behandlung von Rücken-, Schulter-, Hüft- und Knieschmerzen durch biomechanisch optimierte Trainings- geräte. DAVID hat spezielle gelenkschonende Therapie- und Trainingsgeräte mit optimaler Muskelermüdung entwickelt. Das Besondere ist eine variable Widerstandskurve und die Software. Durch Analyse von Trainingsdaten nutzt DAVID künstliche Intelli- genz zur Trainingsoptimierung und setzt damit neue Massstäbe. 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