< PreviousBewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung In der englischen Literatur wird das Phänomen Muskelkater als «delayed onset muscle soreness (DOMS)» beschrieben. Symp- tome von DOMS, die durch die Mikrotraumata innerhalb der Muskeln ausgelöst werden, sind: • Schmerzen • steife, verhärtete Muskeln • Schwellungen der betroffenen Muskeln • Muskelermüdung • kurzzeitiger Verlust der eigentlichen Muskelkraft Muskelverhärtung oder Muskelzerrung? Zwei häu g auftretende Muskelverletzungen sind die Zerrung und die Verhärtung. Beide Verletzungen haben jedoch unter- schiedliche Ursachen und äussern sich mit verschiedenen Symp- tomen. Bei einer Muskelverhärtung (Myogelose) handelt es sich um eine Verspannung des Muskels. Infolgedessen schmerzt der Muskel beim Berühren oder bei Bewegung. Dies liegt darin be- gründet, dass der verhärtete Muskel unentwegt angespannt ist. Somit verliert er an Flexibilität, daraus resultiert der Schmerz. Die Ursachen von Muskelverhärtungen sind vielseitig. Häu g treten sie als Resultat ungewohnter Bewegungen auf. Doch auch nächt- liches falsches Liegen kann zur Verhärtung eines Muskels führen. Muskelverhärtungen sind stets ein Ergebnis falscher Belastung. Im Gegensatz zur Muskelverhärtung handelt es sich bei ei- ner Muskelzerrung nicht um eine Verspannung, sondern eine Überdehnung. Die Muskelzerrung tritt stets akut auf und ist häu- g eine Folge abrupt wechselnder Bewegungsabläufe wie zum Beispiel dem Stehenbleiben nach einem Sprint ohne Auslaufphase. Sportarten, bei denen es zu stetig wechselnden Dreh- und Schlag- bewegungen kommt, bergen ebenfalls ein erhöhtes Verletzungs- risiko. Bei einer Muskelzerrung deuten Verhärtung des Muskels, Druckschmerzen, Dehnungsschmerzen oder zunehmend krampf- artige Muskelschmerzen auf die Verletzung hin. Der Sportler, die Sportlerin leidet folglich unter einer eingeschränkten Belastbarkeit des Muskels bis hin zur Bewegungsunfähigkeit des Muskels. Muskelfaserriss Der Muskelfaserriss ist – ebenso wie ein Muskelriss – eine Ver- letzung, bei der es zum Zerreissen von Muskelgewebe kommt. Die Schmerzen sind eher akut und stechend. Im Gegensatz zur Mus- kelzerrung lässt sich eine Strukturveränderung mit Zerstörung von Muskelzellen und eine Einblutung erkennen. Wenn man von Muskelfaserriss spricht, so sind prinzipiell viele Muskelfasern ge- rissen, meist ein ganzes sogenanntes Muskelfaserbündel und nicht eine einzelne Muskelfaser. Der Riss einer oder weniger Mus- kelfasern wirkt sich nicht spürbar auf die Leistungsfähigkeit aus. Ist ein Grossteil des Muskels betroffen, oder sogar eine Durch- trennung über den ganzen Muskelquerschnitt vorhanden, han- delt es sich um einen echten Muskelriss. Oft werden Muskelverletzungen nur unzureichend diag- nostiziert und behandelt, weil sie eher als Bagatelle abgetan wer- den. Vor allem im nicht professionellen Sport, wo die Diagnose oft ohne den Einsatz von Ultraschall- oder MRI-Untersuchung erfolgt, kann das genaue Ausmass der Verletzung nicht exakt festgestellt werden. Abhängig vom Schweregrad der Verletzung variieren die Therapiezeiten jedoch enorm. Eine sehr differenzierte und praktisch gut anwendbare Ein- teilung stammt von Dr. Müller-Wohlfarth, der Muskelverletzungen in vier Haupttypen einteilt. Zwei Typen werden noch einmal unter- teilt, sodass sich insgesamt sechs Verletzungstypen ergeben: Ein Muskel kann nicht nur aufgrund einer lokalen Gewebeschädi- gung schmerzhaft sein, sondern auch neurogen bedingt (Typ 1b und Typ 2). Dann liegt die Ursache in strukturellen oder funktionel- len Störungen. Bei den Muskeln der unteren Extremitäten wären diese Störungen beispielsweise in der LWS oder im ISG zu suchen. Ein weiteres Beispiel für Muskelverhärtungen, die nicht auf eine lokale Schädigung des betroffenen Muskels zurückzuführen sind, ist das sogenannte Piriformis-Syndrom. Das ist eine Kompres- sion des Ischiasnervs beim Durchtritt durch das Foramen infrapiri- forme zwischen Beckenknochen und dem Musculus piriformis. TypBezeichnungTherapiedauer 1aSchmerzhafte Muskelverhärtung (ermüdungsbedingt)1–3 Tage 1bSchmerzhafte Muskelverhärtung (neurogen)2–5 Tage 2Muskelzerrung (neuromuskuläre Zerrung)3–5 Tage 3aMuskelfaserriss (</= 5 mm Querausdehnung)10–14 Tage 3bMuskelbündelriss (>/= 5 mm Querausdehnung)ca. 6 Wochen 4Muskelriss / sehniger Muskelausrissca. 12–16 Wochen Muskuläre Verletzungstypen nach Müller-WohlfarthBewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Normalerweise ist der Piriformis weich und dehnbar. Durch einen Sturz, durch Fehlhaltung oder Überbelastung kann er verspannen und verkürzen. Der Muskel wird dick und hart und drückt genau auf den Ischiasnerv, was Gesässschmerzen, Schmerzen in der Beinrückseite und teilweise auch Rückenschmerzen verursacht. Muskelprellung bzw. Muskelquetschung Die obengenannten muskulären Beschwerden treten in der Re- gel ohne äussere Krafteinwirkung auf. Muskeln, die in der Tiefe über den Knochen verlaufen, können aufgrund von Schlag- einwirkungen oder Aufprallverletzungen gequetscht werden. Da die Muskulatur stark durchblutet ist, kann ein mehr oder we- niger grosser Bluterguss (Hämatom) entstehen. Anfangs ist der Schmerz sehr heftig, später überwiegt je nach Ausmass des Hämatoms ein schmerzhaftes Spannungs- und Druckgefühl im betroffenen Muskel. Die Einblutung kann in ganz unterschiedlichen Körperge- weben und -regionen passieren, was sich in der medizinischen Bezeichnung widerspiegelt. Ein subkutanes Hämatom ist der typische «blaue Fleck» unter der Haut, meist die Folge einer Stossverletzung. Tritt das Blut aus verletzten Blutgefässen in Muskelgewebe über, resultiert ein intramuskuläres Hämatom. Ein tiefes Hä- matom macht sich meist nicht als Hautverfärbung, sondern als Schwellung bemerkbar. Das gestaute Blut übt Druck auf das um- liegende Gewebe aus, was oft schmerzhaft ist und die Funktions- fähigkeit von Muskeln und Gelenken beeinträchtigt. Ernste Fol- gen kann eine Einblutung in eine Muskelloge haben. Das ist eine Gruppe von Muskeln, die von einer dünnen, kaum dehnbaren Faszie umschlossen wird. Vor allem die Bein- und Armmuskulatur ist aus solchen umgrenzten Kompartimenten aufgebaut. Wenn sich nun Blut aus verletzten Gefässen in einer Loge ansammelt, kann es einen gefährlichen Druck auf das Muskelgewebe und die hier verlaufenden Gefässe und Nerven ausüben (Kompartment- syndrom). Löst sich ein tiefsitzendes Hämatom nicht vollständig auf, kann es sich abkapseln und verkalken. Im schlimmsten Fall stirbt das Muskelgewebe dadurch ab. Vollkommen abzugrenzen von den bisher beschriebenen Muskelverletzungen sind die erworbenen oder erblich bedingten Muskelerkrankungen (Myopathien). Dies ist eine Gruppe von seltenen Erkrankungen, die mit einer Schwäche der Muskulatur, Muskelschwund und Muskelschmerzen einhergeht. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich. Bei einigen Erkrankungen liegt die Ur- sache in der Muskulatur selbst. Bei den neuromuskulären Erkran- kungen liegt die Ursache in verschiedenen Bereichen des Nerven- systems. In anderen Fällen liegt eine Entzündungsreaktion oder eine andere Grunderkrankung vor. Auch Medikamente, Alkohol oder andere Giftstoffe können eine Myopathie verursachen. In erster Linie ist die Motorik betroffen, aber auch die Sensibilität und das Schmerzemp nden. Soviel zu den Muskelverletzungen. Während des Fitnesstrai- nings kommen diese – im Vergleich zu anderen Sportarten – eher selten vor. Allerdings haben wir Kundinnen und Kunden, die mus- kuläre Verletzungen ausserhalb des Centers erlitten haben. Sollte eine Muskelverletzung doch einmal während des Trainings passie- ren, sind Sie mit den Tipps im folgenden Artikel gut gerüstet. Titin: das 3. Filament Nebulin TropomyosinC-Aktin Molekül Troponin Aktin Filament Zellulärer Aufbau der Muskelzelle Titin dünnes Filament dünnes Filamentdünnes Filamentdünnes Filamentdünnes Filamentdünnes Filamentdünnes FilamentBewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung Sprinter- vs. Tänzerverletzung Umsetzung in die Praxis: Umgang mit Muskelverletzungen in der Trainingspraxis Die Wahrscheinlichkeit, eine muskuläre Verletzung zu erleiden, steigt mit der Dauer der Belastung, was vor allem auf eine zu- nehmende Ermüdung zurückzuführen ist. Auslöser für Muskel- verletzungen sind vor allem exzentrische Belastungen, die ent- sprechend technisch sauber trainiert werden sollten. Eine gut trainierte und exible Muskulatur, die neuromus- kulär adäquat angesteuert wird, bietet einen guten Schutz vor Verletzungen der Gelenke und Bänder, schützt aber auch die Muskulatur selbst. Deshalb gilt als wichtige Regel in der Trainingspraxis: Mobilität vor Kraft! Wenn Gelenkwinkel angestrebt werden, die aufgrund einer eingeschränkten Flexibilität der aktiven und passiven Strukturen des Bewegungsapparates gar nicht erreicht werden können, steigt das Verletzungsrisiko markant. Ausserdem sollte klar sein: Technik vor Last! Je komplexer und je freier die Kraftübungen, desto wichtiger wird die technisch saubere Ausführung. Gerade das sogenannte «functional trai- ning» sollte stets einen technischen Anteil in der Vorbereitung auf die Hauptübung enthalten. Die richtige Planung von Belastungs- und Regenera- tionstagen bei Personen, die viel trainieren, sorgt ebenfalls da- für, dass die Muskulatur ausreichende Zeit zur Erholung be- kommt. Beziehen Sie auch Belastungen mit ein, die ausserhalb des Trainings in ihrem Center statt nden. Muskelverhärtungen lassen sich in der Regel vermeiden, wenn Mobilitäts- und Techniktraining in ein sorgfältiges Aufwär- men integriert werden. Sollte es trotzdem einmal zu einer Ver- härtung kommen, darf auf keinen Fall unter Schmerzen weiter- Wie erwähnt gehören Muskelver- letzungen, die ohne äussere Kraft- einwirkung eintreten, zu den grund- sätzlich vermeidbaren Verletzungen. Rezidive Verletzungen, also erneute Verletzungen der gleichen Region, kommen allerdings häufi g vor und führen im Verlauf zu immer längeren Trainingsunterbrüchen. Die statistisch häufi gste Einzelverletzung betrifft die Oberschenkelrückseite mit der ichocruralen Muskulatur 1 . Von AndrØ Tummer 1 Die ischiocrurale Muskulatur beugt die Knie, streckt die Hüfte und stabilisiert dein Becken – ideal für schnelle Sprints.Bewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Das P-E-C-H-Prinzip sollten alle Mitarbeitenden auf der Trainings äche kennen. Literatur Klingenberg, M.: Return to Sport. Richard P aum Verlag GmbH & Co. KG., 2. Au age (2019) Peterson, L., Renström, P.: Verletzungen im Sport. Deutscher ˜rzteverlag Köln, 2. Au age 1993 Schäf er, A. (Hrsg.): Gesundheit heute. Trias Verlag Stuttgart 2014 Valerius, K.P. et al: Das Muskelbuch. Anatomie, Untersuchung, Bewegung. KVM Medizinverlag, 4. Au age 2009 Weineck, J.: Sportbiologie. Spitta Verlag GmbH & Co. KG., 9. Au age 2004 trainiert werden, weil dann das Risiko einer Zerrung oder sogar eines Faserrisses steigt. Wärmeanwendungen (Bäder, Sauna usw. und leichte Dehnübungen) haben sich zur Beseitigung von Ver- härtungen bewährt. Im akuten Fall einer Zerrung, eines Faserrisses oder einer Muskelprellung hilft die Anwendung des P-E-C-H-Schemas , das jedem Mitarbeitenden auf der Trainings äche bekannt sein sollte: P steht für Pause. Also nicht unter Schmerzen weiter trainieren, sondern das Training abbrechen. E steht für Eis. Um Blutergüssen vorzubeugen, emp ehlt es sich, die betroffene Region mit kaltem Wasser oder Eis zu kühlen. C steht für Kompression. Ein Verband mit kaltem Umschlag verhindert grosse Blutergüsse. H wie Hochlagern sorgt für eine verminderte Schwellung und lindert die Schmerzen. Wichtig ist, dass diese Massnahmen unmittelbar nach der Ver- letzung beginnen. Bei einem Faserriss wird der Physiotherapeut oder die ˜rz- tin durch spezielle Kompressions- bzw. Tapeverbände dafür sor- gen, dass der Defekt möglichst klein bleibt und sich keine grösse- ren Muskelnarben bilden, da diese immer wieder zu rezidiven Verletzungen führen können. Langes Stehen und Gehen innerhalb der ersten Stunden kann zu erneuten Einblutungen führen. Bei frischen Verletzungen sind Massagen innerhalb der ersten 48 Stunden verboten. Es könnten erneut Blutungen im verletzten Gewebe auftreten. Erst zu einem späteren Zeitpunkt kann der Heilungsprozess durch physiotherapeutische Anwendungen beschleunigt werden. Wie in der Einleitung erwähnt, ist die Oberschenkelrück- seite am häu gsten von muskulären Verletzungen betroffen. Es werden zwei Verletzungstypen unterschieden. Bei der «Sprinter»- Verletzung ist die Lokalisation im muskulären Anteil des Bein- bizepses. Sie tritt bei starker Belastung wie bei einem Sprint oder auch bei schnellen Richtungswechseln auf. Die «Tänzer»-Verlet- zung tritt eher bei langsamen Bewegungen oder Dehnübungen der Beinrückseite auf und betrifft den Übergang von der Sehne zum Muskel. Eine solche Verletzung benötig eine deutlich längere Rehabilitation. Durch exzentrische Kraftübungen der Beinrückseite lässt sich das Verletzungsrisiko stark verringern. Pause Kompression Eis HochlagernFachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung Die Leistungsfähigkeit der Rumpfmuskulatur – ein funktionsbezogener Testansatz – Teil 2 Bewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023Bewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Hinführung Dass die Kraft der Rumpfmusku- latur aus gesundheitlicher und sportlicher Sicht eine besondere Bedeutung hat, ist unbestritten. Im Anschluss an zahlreiche Stu- dien, in denen nachgewiesen wurde, dass Personen mit chroni- schen Rückenschmerzen eine deutliche Kraftminderung der Lumbalextensoren aufweisen, fanden Anfang der 90er-Jahre Behandlungskonzepte grosse Be- achtung, die gerätegestützt die isolierte Kräftigung der Lumbal- extensoren ermöglichten (MedX, DAVID Back Clinic u. a.). Voraussetzung dazu ist die maximale Fixation des Beckens, um eine synergistische Aktivität der ver- schiedenen Hüftstreckmuskeln ausschliessen zu können. Auch wenn bei Personen mit Rückenschmerzen immer wieder eine Abschwächung der lumbalen Rückenstrecker nach- gewiesen wurde, ist der Analogieschluss nicht zulässig, dass mit einer kräftigen Muskulatur Rückenschmerzen verhindert werden können. In einer Metaanalyse untersuchte O. Miltner et al. (2001) 21 Publikationen und Abstracts zur Kräftigung der Lumbalexten- soren. Offenbar fand sich darunter keine Studie, die prospektiv mit Kontrollgruppe und adäquater Nachuntersuchung geplant war [6]. Dennoch ist die Rumpfkraft sowohl im präventiven wie auch im rehabilitativen und sportmotorischen Kontext von gros- ser funktioneller Bedeutung. Eine ausreichend kräftige Rumpf- muskulatur leistet aktiven Schutz der neuronalen und passiven Strukturen der Bewegungssegmente vor schädigenden Fehlbe- lastungen und Überlastungen. Dazu ist aber eine unter standar- disierten Bedingungen ermittelte und einem Normwert zugeord- nete Maximalkraft nicht ausreichend. Entscheidend ist u. a. auch die intermuskuläre Koordination zwischen synergistischen Mus- kelgruppen im Sinne der intramuskulären Feinabstimmung ihrer uni- und polysegmentalen Muskelsysteme (siehe Teil 1, Abb. 5 in der Dezemberausgabe 2022 von BEWEGUNGSMEDIZIN). Bei ein- seitiger Betrachtung der (Maximal-)Kraft wird diesem neuromus- kulären Aspekt der Bewegungskontrolle ungenügend Rechnung getragen, was die Aussagekraft solcher nicht hinreichend validen Krafttestresultate relativiert. Im ersten Teil des Artikels über die Leistungsfähigkeit der Rumpfmuskulatur wurde am Beispiel des «Rückenschmerzes» funktionell-anatomisches Grund- lagenwissen vermittelt und mögliche pathophysiologische Aspekte diskutiert. Im hier nun folgenden zweiten Teil werden entsprechende Testverfahren zur Quantifi zierung der Leistungsfähigkeit der wichtigsten Rumpfmuskeln dargestellt. Urs Geiger, PTScFH, CAS CADM, CAS Sportphysio therapie, Berufsschullehrer HWS Huber Widemann Schule, Basel, langjäh- riger Berufsbildner, Praktikumslehrperson DZ, ETH Zürich, BuchautorBewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung 1. Einleitung Allgemein bekannt sind die Tests zur Bestimmung der «Grund- kraft der Rumpfmuskulatur» (ventrale, dorsale und laterale Rumpfmuskelkette), die über die Bestimmung der maximal mög- lichen Belastungsdauer erfolgen. Bestimmt wird dabei primär die Ermüdungswiderstandsfähigkeit. Auf die eigentliche Rumpfkraft kann damit aber nicht zuverlässig geschlossen werden. Aus die- sem Grund sprechen die Autoren von Grundkraft 1 , obwohl dieser Begriff auch in der speziellen Trainingslehre bzw. Leistungsdiag- nostik nicht als de nierte «Kraftart» beschrieben ist. In den wenigsten medizinischen und tnessorientierten Ein- richtungen stehen Messgeräte zur direkten Bestimmung der Maxi- malkraft (z. B. isokinetische Apparaturen) zur Verfügung, die eine Messung des erzeugten Drehmoments in Nm (Newtonmeter) er- möglichen. Zur Einschätzung der Kraft wird deshalb die inverse Beziehung eines Widerstandes zu der Anzahl möglicher Wieder- holungen bzw. zur Dauer der Belastung (TUT) 2 genutzt. Weil mit zunehmender Belastungsdauer gegenüber dem Aspekt «Kraft» der Grad der muskulären Ermüdung eine immer wichtigere Rolle spielt, ist die Beziehung zwischen mechanischer Leistung (p) und Ermü- dungsresistenz von diagnostischer Relevanz (siehe Diagramm 1). Diagramm 1: Strukturanalytische Komponenten der Muskelleistungsfähigkeit («Grundkraft»). In Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden Testzeit sind neben Maximalkraft bzw. Kraftausdauer die zu erbringende physikalische Leistung und Ermüdungsresistenz die limitierenden Faktoren. (U. Geiger, 2022) 1 Mindestniveau an Kraft, zur Beurteilung der Voraussetzung für einen sicheren und ef zienten Umgang mit Krafttraining und andern Trainingsbelastungen; im Gegensatz zu Tests der maximalen Leistungsfähigkeit können diese die sportspezi sche Leistungsfähigkeit nicht voraussagen (aus Manual Leistungsdiagnostik, Swiss Olympic, 2015). 2 time under tension Rekrutierung Frequenzierung extensive KA intensive KA leistungssportliche Fragestellungen leistungssportliche Fragestellungen Verarmung Neurotransmitter Verlängerung der Refraktärzeit Erhöhung der Reizschwelle ➔ Störung der IMK Komponenten der «Muskelleistungsfähigkeit» energetische Prozesse quantitativ ➔ Energiespeicher qualitativ ➔ Enzymaktivität Anhäufung von Metaboliten Verbrauch von Elektrolyten Leistung (p) in Watt (J / s) = Arbeit / Zeit Ermüdungsresistenz unter anaeroben Bedingungen Explosivkraft Schnellkraft Kraftausdauer anaerob laktazid Maximalkraft anaerob alaktazid Muskelleistungsfähigkeit «Grundkraft» (Terminus v. swiss olympic) Muskelverspannung(max.) Arbeit (w) möglichst lange aufrechterhalten zentrale Ermüdungperiphere ErmüdungBewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 2. Aspekte belastungsinduzierter Ermüdung Muskuläre Ermüdung ist eine subjektiv unvorteilhafte Wahrneh- mung mit reversibler Abnahme von psychischer und physiologi- scher Leistungsfähigkeit, die aber nicht ausschliesslich auf peri- phere Prozesse zurückzuführen ist. Die maximal mögliche Belastungsdauer wird dabei als Bruttokriterium für die neuro- muskuläre Ermüdung angesehen. Die Testdauer allein ist aller- dings nicht ausreichend valide, weil diese mit der (Maximal-)Kraft nicht direkt korreliert. Die Testdauer kann trotzdem als prädiktiver Faktor für Fragestellungen im Zusammenhang mit strukturell- protektiven Kriterien genutzt werden. Um die Integrität des Bewegungssegments zu garantieren, muss die situativ-adaptive Steuerung der Kraft sensomotorisch abgesichert sein. In diesem Kontext erhält die belastungsindu- zierte Ermüdung eine alltagsrelevante und damit funktionelle Be- deutung. Die Quanti zierung dieser Ermüdung über die maximal mögliche Belastungsdauer kann deshalb zum Leistungsvergleich genutzt werden. Damit rückt der reine Kraftaspekt gegenüber der Muskelleistungsfähigkeit in den Hintergrund. 3. Funktionsbeeinträchtigungen der Wirbelsäule – ein Paradigmawechsel Der Diagnostik und Therapie von Funktionsbeeinträchtigungen der Wirbelsäule wird immer wieder das Paradigma der muskulären Dysbalance zugrunde gelegt. «Muskuläre Dysbalancen» werden dabei für die Entstehung und Unterhaltung von Schädigungen des Haltungs- und Bewegungsapparates und Leistungsminderun- gen verantwortlich gemacht (Freiwald u. Engelhardt 19997; Müller u. Hille 1996). Der Begriff der muskulären Dysbalance wird mitt- lerweile kritisch diskutiert und als zu unspezi sch und als nicht ausreichend de niert bzw. operationalisiert 3 betrachtet. Von nor- mativen Werten abweichende Befunde werden durch die Bezeich- nung mit der negativ assoziierten Vorsilbe «Dys» als fehlerhafte Funktion oder krankhafter Zustand bezeichnet, selbst dann, wenn eine biologisch sinnvolle Kompensation des Bewegungsapparate vorliegt (Freiwald u. Engelhardt 1997). Nützlicher ist daher die Fra- gestellung, ob Bewegungen funktionsgerecht durch ausgewoge- ne Abstimmung der Aktivierung synergistischer Muskelgruppen erzielt wird, die mit einer achsengerechten Gelenkbelastung ein- hergeht (Schomburg 1995). 4. Biomechanische Besonderheiten des Hüft-Becken-Lendenbereichs Der anatomische Aufbau der Rückenstreckmuskulatur er- schwert eine isolierte Testung der lumbalen Muskelanteile. Je ober ächlicher die Muskelschichten, desto länger sind deren Faserbündel. Zudem sorgt unter anderem die lumbothorakale Faszie für eine effektive Weiterleitung der extensorischen Kraft der insgesamt starken Mm. Iliocostalis lumborum und longissi- mus lumborum nach kranial bzw. das Aufnehmen exzentrisch bedingter Zugkräfte (siehe Abb. 1). Abb.1: Faserverlauf und extensorische Kraftweiterleitung der in die thorakolumbale Faszie einstrahlenden Faserzüge: diagonale Zuglinie über M. latissimus dorsi, M. glutaeus maximus und tractus iliotibialis (blauer Pfeil mit Zugrichtung); gerade Zuglinie über M. erector spinae und ischiocrurale Muskeln (roter Pfeil mit Zugrichtung) 3 Die Operationalisierung oder Messbarmachung legt fest, wie ein theoretisches Konstrukt beobachtbar und messbar gemacht werden soll. m. erector spinae m. latissimus dorsi m. glutaeus max. m. transversus abd.Bewegungsmedizin – Nr. 16 / März 2023 Fachliche Informationen Bewegungs- und Gesundheitsförderung Eine weitere funktionelle Besonderheit ist der integrative Einsatz der extensorischen Komponente der glutealen und ischio- cruralen Muskulatur bei extensorischen Rumpfbewegungen über die gemeinsame, ober ächliche myofasziale Zuglinie. Entspre- chend dem individuellen sensomotorischen Bewegungsmuster «Rumpfstreckung» werden diese starken Muskeln synergistisch mehr oder weniger synergistisch-dominant eingesetzt. Diesem neuromuskulären Umstand ist es geschuldet, dass die gewünsch- te Isolation der lumbalen Rückenstrecker erschwert ist. Im Gegensatz zu den Extremitätenmuskeln, die mehr- heitlich eine sinusförmige Kraftkurve aufweisen, zeigen die lumbalen Rückenstrecker – aus sitzender Position mit Becken- xation (siehe Abb. 2) – einen weitgehend linearen, in Richtung Extension mehr oder weniger stark abfallenden Kraftverlauf. Nachgewiesen ist, dass rund 80 Prozent aller Rückenpatienten eine Schwäche der autochthonen Rückenmuskulatur auf- weisen. Dabei ist ein pathomechanisch charakteristisches Merk- mal der deutlich stärkere Kraftabfall gegenüber rückengesun- den Vergleichspersonen (vgl. Diagramm 2). Die Säulengra k (Diagramm 2) zeigt den klinisch relevanten absoluten Kraft- abfall bei der Multiwinkelisometrie-Messung von der Aus- gangsstellung (ASTE) in Flexion über die Mittelstellung (MSTE) zur Endstellung (ESTE) in Extension bei Probanden mit und ohne einschränkende Rückenschmerzen. 5. Klinische Schlussfolgerungen Je mehr der prozentuale Kraftabfall vom physiologischen Soll- Wert von 35 % abweicht, desto grösser wird das Risiko, an un- spezi schen Rückenschmerzen zu erkranken. Aus funktioneller Sicht scheint deshalb evident, die (Maximal-)Kraft der lumbalen Rückenstrecker in extensorischer Endstellung der Lendenwirbel- säue quanti zieren zu können. Diesen Anspruch erfüllt der nach- folgend beschriebene Beinhebetest (siehe Abb. 3). Diagramm 2: Vergleichende Darstellung der unterschiedlich starken absoluten Kraftabnahme bei Rückengesunden (RG) und Rückenpatienten (RP1 und RP2); Säulenblock (1) und (2) von Graves & Pollock (1992); Säulenblock (3) als Vergleichsgruppe von Geiger (2001). Bei Rückengesunden beträgt der physiologische Kraftabfall von der ASTE (72° Flexion) über MSTE (36° Flexion) in die ESTE (0°) 31 %; bei den Rückenpatienten RP1 und RP2 ist der gemessene Kraftabfall mit 71 % bzw. 58 % deutlich grösser. Kraft (isometrisch) in Newton (N) 1800 1421 1372 1617 1222 919 1277 980 392 686 1350 450 900 0 (1) RG ASTE (72°) MSTE (36°) ESTE (0°) (2) RP1(3) RP2 (Vergleichsgruppe) Kraftwerte (MK isometrisch) und Kraftabfall von ASTE über MSTE bis ESTE (Kraftmessdaten mittels Zugkraftsensoren [DigiMax] auf Nautilus «Lumbar Extension»)Die grosse funktionelle Bedeutung der lumbosakralen Ver- ankerung durch die lumbalen Extensoren ist bei einem Grossteil der Trainingsübungen omnipräsent. Exemplarisch dafür gilt die aktive Stabilisation der Lendenwirbelsäule beim Heben von Las- ten (z. B. Dead Lift). Abb. 2: Beispiel einer gerätegestützten Messung der isometrischen Maximal- kraft der lumbalen Exensoren in unterschiedlichen Winkelstellungen Nützlich wäre, wenn die segmentalen, auf die lumbalen Bewegungssegmente bezogenen ein- und mehrseg men- talen Muskelzüge des transversospinalen Systems (v. a. Mm. multi dii lumborum) isoliert getestet werden könnten; dies ist aber nicht möglich, weil das darüber- liegende iliocostale und sacrospinale Muskelsystem unter Einforderung maximaler Anspannung nicht ausgeschaltet werden kann. ANZEIGE InB dy 970 Die Innovation in der Körperzusammen- setzungsanalyse www.best4health.ch Grindelstrasse 12 | 8303 Bassersdorf Tel. +41 44 500 31 80Next >